Ausschnitte aus dem Leben einer außergewöhnlichen Frau, Band III

 

 

 

Stierfrau mit Charisma

 

Am Freitag den 7. September 2001, begibt sich Anastasia zum ersten Mal in ihrem Leben alleine in ein Reisebüro. Sie interessiert sich für einen zweiwöchigen Urlaub ab Weihnachten, in Ägypten. Man rät ihr, sich schnell zu entscheiden, weil Flüge um diese Zeit rasch ausgebucht sind. Doch weil sie nicht ein zweites Mal persönlich vorbeikommen konnte, rief sie am 10. September, einen Tag vor dem schrecklichen Ereignis in New York, im Reisebüro an und buchte für sich und ihren Ehemann, obwohl sie von diesem schon eineinhalb Jahre getrennt wohnte, weil sie noch nie alleine geflogen ist und Angst vor den Formalitäten auf den Flughäfen hatte. Ihren Mann wollte sie erst Anfang Dezember davon in Kenntnis setzen, weil sie befürchtete, er würde ihr die Reise ausreden. Drei Wochen später glaubte sie ihren Ohren nicht trauen zu können. Sie hatte keine Ahnung, warum ihre innere Stimme sagte, sie muss noch eine dritte Woche buchen, aber nur für sie allein - und ohne Reiserücktrittsversicherung! In ihrem unerschütterlichen Glauben an Gott, tat sie was ihr befohlen wurde, obwohl ihre Angst riesengroß war, vor dem was sie wohl erleben würde in dieser dritten Woche und noch viel mehr, vor dem Einchecken beim Rückflug. Doch dem noch nicht genug, wurde sie im November noch einmal auf eine harte Probe gestellt. Das Reiseunter- nehmen teilte mit, dass sie ohne finanziellen Verlust ihren Urlaub stornieren kann, weil viele Menschen dies in Anbetracht des 11. Septembers taten. Weil sich dadurch sowohl der Reisebeginn als auch das Programm ändert. Für sie war aber auch das kein Thema. Beharrlich blieb sie bei ihrem Vorsatz, nach Ägypten zu fliegen. Sie wollte nun mehr als je zuvor erfahren, was die Offenbarung, ihren Mann nach zwei Wochen nachhause schicken zu müssen, bedeutet. Sie spürte intuitiv, dass es sich um etwas Großes, etwas Phänomenales, etwas Einzigartiges handeln musste. Sie spürte, dass der 11. September 2001 mit ihrem neuen Leben, mit ihrem Schicksal verbunden war, doch was genau es damit auf sich hatte, wusste sie nicht. Sie ahnte es nicht einmal im Entferntesten, was sie bereits erleben musste, als ihr Mann noch in den Lüften zurück nach Deutschland war.

Das Buch zieht die Leser in den Strudel einer idyllischen, kantigen und mystischen Welt zugleich. Sensibel aber auch spannend, betreibt die Autorin ein kunstvolles Spiel zwischen erbarmungsloser Realität und wohltuender Phantasie. Ein Erkenntnisprozess ist es, den diese außergewöhnliche Geschichte beschreibt. Geleitet durch die göttliche Weisheit, erfährt Anastasia zum ersten Mal in ihrem Leben, was es heißt auf sich selbst zu hören und sich zu verwirklichen. Seelische Konflikte, verbunden mit mystischen Visionen, lassen sie an ihre Grenzen stoßen. Doch im Vertrauen auf Gott und ihr Schicksal, erduldet sie alles noch so unerträglich Erscheinende mutig, tapfer und kraftvoll. Denn von Gott wurde ihr versprochen, dass ihre schwersten Prüfungen, ihr größter Erfolg werden würden. Doch trotz aller Kraft, Hoffnung und Zuversicht, glaubte sie ein Peitschenhieb hat sie getroffen, glaubte sie in Ohnmacht zu fallen, nachdem ein junger Ägypter sagte, dass sie ihren deutschen Reisepass nicht mehr benötigt, dass er ihr Leben verändern, dass sie wieder glücklich sein wird und unbeschwert lachen kann, dass er ihr Ehemann Nummer Zwei wird und ab jetzt nicht mehr Faruk sondern Ramses heißt, und sie nicht mehr Anastasia sondern Hatschepsut.

Samstag, 5. Januar 2002 - Anastasias Mann war in den Lüften zurück nach Deutschland:

Augenblicklich zog sich alles in ihr zusammen. Entsetzen schnürte ihr die Kehle zu. Ihr wurde schwindlig, ihre Stimme erstarb. Mit hochgezogenen Brauen und leeren, nicht mehr verstehenden Augen, starrte sie hilflos schweigend vor sich hin, bis sie dumpf ergeben in ihr Schicksal, erschöpft den Kopf schüttelte und sich in den Sitz zurückfallen ließ, ohne die richtigen Worte zu finden. Ihr schwanden die Sinne. Es war, als hätte eine unsichtbare Hand sie weggewischt. Sie schauderte, weil sie das Gefühl hatte, dass Faruk sie unentwegt beobachtete. Der Kleinbus in dem sie sich befanden, wurde von einem älteren, still vor sich hinlächelnden Mann, mit melancholischen dunklen Augen im braungebrannten Gesicht, geschickt gesteuert. Unaufhaltsam, mit bedrückender Beharrlichkeit wie sie empfand, fuhr er in Richtung "ich-kann-dir-nicht-sagen-wohin-die Reise-geht". Sie hielt sich die Ohren zu, als könnte sie dadurch Faruks Worte ungehört machen. Sie zog die Schultern hoch und schüttelte nur immer wieder verzweifelt den Kopf, als wollte sie sich wachrütteln und hauchte matt mit gebrochener Stimme, "bitte ..." Gleichzeitig drehte sie sich um und streckte ihre zitternde Hand nach Faruk aus. "Bitte, lass mich mal etwas klarstellen: Ich heiße Anastasia. Ich bin verheiratet und Deutsche und befinde mich hier auf Urlaub. Was du mir einreden möchtest, ist vollkommen ausgeschlossen. Ich weiß nicht wovon du sprichst?" Überrascht verständnislos, wandte Faruk den Blick zu ihr und sie bemerkte die Falten um seinen Mund, er hatte ihn bereits zu einer Antwort geöffnet. Doch als er ihre entsetzten Augen sah, als er sah, wie sie von Angst gepeinigt regungslos da saß, verstummte er. Er war wie vom Donner gerührt. Wer nur war sie? Sie macht trotz ihrer Hilflosigkeit so einen starken Eindruck. Sie war so anders als all die anderen Frauen. Er fragte sich, wofür sie sich entscheiden würde wenn sie frei, wenn sie nicht verheiratet wäre, wenn sie diese Tatsache ändern könnte. Ihr Gesicht war um Jahre gealtert. Faruks Worte wirbelten ihr im Kopf herum, wie wildgewordene Vogelspinnen. Sie lächelte gequält weil sie wusste, dass sie sich oft Dinge viel zu sehr zu Herzen nahm, wo andere darüber lachten. Der Kampf um ihr neues Leben ging scheinbar seinem Ende zu, doch noch immer oder wieder aufs Neue, herrschte in ihr ein einziges Tohuwabohu.

Nun erhob sich Faruk, setzte sich auf den Sitz neben ihr und nahm ihre Hände in die seinen. Plötzlich nahm seine Stimme einen eindringlich flehenden Ton an. "Du erinnerst dich doch! Du musst dich erinnern! Denk fest darüber nach! Ich bitte dich von ganzem Herzen, Hatschepsut!" Sie glaubte, ein Blitz sei durch ihren Körper gefahren, als sie den Namen Hatschepsut hörte. Gerade mal drei Monate zuvor erfuhr sie durch ein Buch, das ihr eine Frau vom Bauchtanzkurz den sie absolvierte, als sehr spannend empfahl, wer Hatschepsut war. Das Buch hatte sie bereits im April 2001 gekauft, aber erst Anfang Oktober begonnen es zu lesen, nachdem sie vom Friseur nachhause kam, nachdem sie sich zum ersten Mal in ihrem Leben die Haare feuerrot färben ließ. Sie fröstelte, obwohl es im Bus sehr warm war. Sie schluckte und schüttelte den Kopf. Die Stimme schien ihr zu versagen. Ihr Blick begegnete dem Faruks. Das musste ein Albtraum sein. Im richtigen Leben konnte so etwas doch nicht passieren. Warum nur wachte sie nicht auf und stellte fest, dass es ein Albtraum war? Plötzlich fiel ihr die Offenbarung vom 30. Oktober 2001 wieder ein. Vergeblich suchte sie nach Zweifel, doch es traten keine auf. Offensichtlich entsprachen sie der Wahrheit, wenngleich sie eher einem Märchen aus Tausendundeiner Nacht glichen. Faruk ließ ihr keine Ruhe. Er bedachte sie mit einem mitleidigen Blick und fragte gelassen als sei das, was er sagte, das Normalste auf Erden: "Was hast du? Geht es dir nicht gut? Meine Worte haben dich anscheinend sehr bewegt?" "Es geht mir gut!" log sie. Sie wollte gleichgültig wirken, suchte nach einer belanglosen Erklärung. Sie wollte ihm antworten und öffnete schon den Mund, doch als sie seinen fragenden Blick sah, überlegte sie es sich anders. Er konnte doch unmöglich wissen, dass er in Gottes Auftrag handelte. Dass er ihr im Namen Gottes sagen musste Wer und Was sie ist.

 

 


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